REFERENZEN

Bernsteinschrank-Walter Simon Naturkundemuseum Berlin

Der Bernsteinschrank von Walter Simon – ein Beispiel jüdischen Mäzenatentums im deutschen Kaiserreich

Im Zuge einer materialtechnischen Untersuchung hatte ich die Gelegenheit, den sogenannten Bernsteinschrank von Walter Simon aus der Bernsteinsammlung des Museums für Naturkunde Berlin eingehend zu studieren. Das kunstvoll gearbeitete Möbel, gefertigt aus Eichenholz mit massiven Kupferbeschlägen, ist ein herausragendes Beispiel für das jüdische Mäzenatentum im deutschen Kaiserreich und zugleich ein kulturhistorisches Dokument der Wissenschaftsgeschichte um 1900.

Der Stifter, Prof. Walter Simon (1857–1920), entstammte einer wohlhabenden Königsberger Bankiersfamilie. Er war Jurist, Philosoph und engagierter Förderer von Bildungs- und Sozialeinrichtungen in Tübingen und Königsberg, wo er zahlreiche Stiftungen ins Leben rief. Obwohl er selbst kein Bernsteinsammler war, ließ er den Schrank um 1904 als Schenkung für die Universität Königsberg anfertigen, wo er der systematischen Aufbewahrung und Präsentation von Bernsteinen diente. Bereits 1907 wird das Möbel im Museumsführer erwähnt – mit einem Hinweis auf seine Verbindung zur Sammlung des Arztes und Bernsteinsammlers Franz Sommerfeld (1820–1906), einem Wegbereiter moderner Naturaliensammlungen.

Der Bernsteinschrank besitzt 14 Schubladen, deren Beschriftung eine klare Systematik der Sammlung erkennen lässt: von der Bildungsweise des Harzes über Lagerstätten des Succinit bis zu fossilen Harzen und organischen Einschlüssen. Die Einteilung folgt dabei dem naturwissenschaftlichen Ordnungsprinzip jener Zeit und spiegelt die enge Zusammenarbeit zwischen Sammlern, Universitäten und industriellen Förderern wie den Königlichen Bernsteinwerken Königsberg wider, die ihr Material gezielt Museen und Forschungseinrichtungen zur Verfügung stellten.

Mit seiner klar gegliederten Architektur, der sachlichen Formensprache und den präzise gefertigten Beschlägen ist der Schrank ein typisches Zeugnis des wissenschaftlichen Möbelbaus um 1900 – einer Synthese aus Funktionalität und Repräsentation. Seine Anmutung ist weniger dekorativ als vielmehr dienlich der Forschung, wodurch er sich deutlich von den kunsthandwerklichen Kabinettschränken des 17. Jahrhunderts unterscheidet, deren Gestaltungsprinzipien er jedoch formal zitiert.

Bei der Untersuchung des Objekts konnte eine spätere Schließvorrichtung festgestellt werden, ebenso wie eine Reparatur des Kronenelements, das eine Widmung an Walter Simon trägt. Die Beschläge zeigen typische Alterungsspuren oxidierter Kupferlegierungen. Mittels mikroskopischer Querschliffuntersuchungen und UV-Licht-Analysen wurde die originale Oberflächenfassung dokumentiert und die Trennung zwischen Erst- und Folgefassungen gesichert. Diese materialtechnischen Befunde bilden die Grundlage für eine denkmalgerechte Konservierung des Stückes.

Der Bernsteinschrank steht heute exemplarisch für das Zusammenwirken von Wissenschaft, Kunsthandwerk und bürgerlichem Mäzenatentum im späten 19. Jahrhundert. In seiner Form, Funktion und Geschichte vereint er den Geist einer Epoche, in der Bildung und Forschung als moralische Verpflichtung verstanden wurden. Die Erhaltung und Restaurierung solcher musealer Möbelobjekte ist daher nicht nur eine handwerkliche Aufgabe, sondern ein Beitrag zur Bewahrung kulturellen Erbes und jüdischer Stiftertradition in Deutschland

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Andris Hennig - Restaurator für Möbel aus Potsdam und Berlin