Restaurierung in Berlin - Art Deco Zimmer aus Berlin Mitte um 1930
In meiner Restaurierungswerkstatt in Berlin stand ein vollständiger Art Deco Zimmersatz zur Restaurierung an, der seit Jahrzehnten Teil einer Wohnung in Berlin Mitte ist. Zum Ensemble gehören ein Tisch, acht Stühle, ein Kleiderschrank sowie ein Sideboard mit 2 Türen und Schubladen. Schon bei der ersten Sichtung war erkennbar, dass es sich nicht um einzelne Möbel, sondern um eine bewusst zusammenhängende Einrichtung handelt. Proportionen, Details, Oberflächen und Materialkontraste folgen einem einheitlichen Gestaltungskonzept, wie es für Interieurs um 1930 typisch ist.
Die Arbeit wurde in Teamarbeit mit der Restauratorin Katja Brandt (M.A.) aus Erfurt umgesetzt.
Der erste Eindruck war vor allem durch die Furnierbilder geprägt. Die großen Sichtflächen sind in Bubinga pommelle furniert, dessen wolkige Zeichnung im Licht stark lebendig wirkt. In diese Bubinga Flächen sind geometrische Felder aus Makassar Ebenholzfurnier eingelegt. Diese Einlagen sind nicht nur dekorativ, sondern strukturieren die Fronten und Plattenflächen wie grafische Elemente. Genau diese Verbindung aus lebhaftem Furnierbild, strenger Geometrie und dunklen Akzenten gehört zum Kern der Art Deco Gestaltung. Ergänzt wird dieser Eindruck durch schwarz abgesetzte Sockel und Stuhlbeine, die den Möbeln optisch Gewicht geben und den Kontrast der Materialien betonen.
Zustand der Oberflächen - Nitrocellulose Lack stark gealtert
Der Nitrocellulose Lack war auf allen Teilen deutlich geschädigt. Durch UV Einwirkung zeigte er typische Alterungsbilder wie Krepierung, gelbe Schuppen, matte Zonen und lokale Verluste. In beanspruchten Bereichen bestand Ablösegefahr, besonders an Kanten, Übergängen und in der Nähe von Fugen zwischen Bubinga und den Makassar Einlagen. Solche Schadensmuster passen zu bekannten Alterungsprozessen von Nitrocellulose Beschichtungen, bei denen der Film mit der Zeit spröde wird und an Elastizität verliert
Materialanalyse Querschliffe Mikrochemie und Lösemitteltests
Vor der praktischen Bearbeitung wurden repräsentative Zonen beprobt und materialtechnisch ausgewertet. Querschliffe, mikrochemische Tests und abgestimmte Lösemitteltests zeigten einen Aufbau aus zwei zeitlich getrennten Nitrocellulose Kampagnen. Die typischen Schadensbilder stützten diese Auswertung, da sich Unterschiede in Risscharakter und Haftung der Schichten erkennen ließen. Parallel lieferten die Lösemitteltests eine belastbare Grundlage, um Reaktivität, Anlösung und Grenzflächenverhalten kontrolliert einzuschätzen, bevor an den Originalflächen gearbeitet wurdeAus dem Befund ergaben sich keine überzeugenden Indizien für ein ursprünglich stark verdichtetes Hochglanzsystem. Schichtstruktur und Oberflächenmerkmale lieferten keine typischen Hinweise auf eine aufwendige Politurabfolge. Das ist kunsthistorisch kein Widerspruch, denn Art Deco beschreibt eine Formensprache, die sowohl in luxuriöser Ausführung als auch in rationeller Serienqualität vorkommt.
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Restaurierungskonzept - Erhalt der Patina
Auf dem erarbeiteten Kenntnisstand wurde ein konservatorisch orientiertes Konzept umgesetzt. Leitlinie war der Erhalt des Glanzgrades, der Materialien und der gewachsenen Patina, soweit dies technisch möglich ist. Eine vollständige Abnahme der stark beschädigten Lacke bis auf das Holz wurde bewusst vermieden, weil dadurch die rötliche Grundfarbigkeit der Hölzer wieder stark hervorgetreten wäre. Ziel war, Geschichte sichtbar zu halten, ohne sie durch eine neue Interpretation zu ersetzen.
Kompressen als Werkzeug für kontrollierte Lösemittelwirkung
Die Trennung der späteren Lackkampagne von der darunterliegenden originalen Nitrocellulose Schicht erfolgte nicht mit frei aufgetragenem Lösemittel, sondern über Kompressen. Der Vorteil solcher Systeme liegt in der gezielten Steuerung von Lösemittelabgabe und Einwirkzeit. In der Restaurierung wird genau dieses Prinzip genutzt, um die Retention zu erhöhen, also das Lösemittel länger und gleichmäßiger an der Oberfläche zu halten, und gleichzeitig die Penetration zu begrenzen, also das unkontrollierte Eindringen in tieferliegende Schichten zu reduzieren. Gel und Kompressensysteme werden in der Fachliteratur gerade deshalb als vorteilhaft beschrieben, weil sie eine kontrolliertere Anwendung und ein besseres Management von Retention und Penetration ermöglichen.
Bei frei aufgetragenem Lösemittel ist die Verdunstung schnell, die Wirkung oft punktuell und die Aufnahme in angrenzende Schichten schwerer kontrollierbar. Eine Kompresse wirkt anders: Sie speichert Lösemittel im Trägermaterial, gibt es über die Kontaktfläche kontinuierlich ab und kann gelöste Bestandteile zugleich teilweise wieder aufnehmen. In verwandten konservatorischen Anwendungen wird dieses Verhalten auch als poultice Effekt beschrieben, bei dem ein feuchtes Trägermaterial den Stoff zunächst anquellen oder erweichen soll, bevor der Untergrund zu stark belastet wird.
Gerade bei Nitrocellulose und bei empfindlichen Furnierkanten ist diese Steuerung entscheidend. Unterschiedliche Materialien und Fugen reagieren nicht identisch, weshalb Einwirkzeit, Feuchtehaushalt und Abnahmeweg eng geführt werden müssen. In der Praxis bedeutet das: kurze, wiederholte Anwendungen, klare Beobachtung unter Streiflicht und das konsequente Arbeiten in kleinen Zonen, statt großflächiger, schneller Abnahmen
Neuer Oberflächenaufbau mit Mattierung und Zusammenführung des Ensembles
Nach der kontrollierten Trennung und der Sicherung fragiler Bereiche wurde ein neuer Oberflächenaufbau hergestellt, der sich am Bestandseindruck orientiert und bewusst keine Hochglanzwirkung erzeugt. Durch eine gezielte Mattierung konnten Glanzsprünge reduziert und die Ensemblewirkung zwischen Tisch, Stühlen, Schrank und Sideboard wieder zusammengeführt werden. Das ist für die Raumwirkung entscheidend, weil Art Deco Ensembles stark über Flächen, Licht und grafische Kontraste funktionieren, und weil die Makassar Einlagen in einem ruhigen, gleichmäßigen Glanzgrad deutlich besser lesbar bleiben.
Ergebnis -Art Deco Ensemble als Berliner Wohnzeugnis gesichert
Am Ende stand ein Ensemble, dessen historische Oberfläche als Materialzeugnis erhalten blieb und dessen Gestaltung wieder klar lesbar ist. Das Zusammenspiel aus Bubinga pommelle, den geometrischen Makassar Ebenholz Einlagen und den schwarzen Sockelzonen wirkt wieder geschlossen, ohne dass die Möbel optisch verjüngt wurden. Gebrauchsspuren und Patina bleiben als Teil der Geschichte sichtbar, zugleich sind die Oberflächen stabilisiert und für die weitere Nutzung besser geschützt. Damit bleibt dieses Art Deco Zimmer als Zeitzeugnis einer Wohnung in Berlin Mitte um 1930 in seiner Substanz und Wirkung nachvollziehbar erhalten.